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Kinderaugen

CarolynHelm 0

Wie ein Gewitter rollte der Lärm der denaturierenden Bomben über sie hinweg. Instinktiv zog Jesper den Kopf ein. Immer wenn eine Bombe explodierte, leuchtete der Nachthimmel hell auf und blendete ihn.
„Ich will sterben.“, flüsterte er, während er die kalten Finger um das eisige Metall seiner Waffe klammerte.
„Du willst nicht sterben.“, widersprach George ihm. Er sah ihm aufmunternd an und drückte ihm die Suppenschüssel ein bisschen tiefer in die Stirn. „Pass auf!“, zischte er plötzlich und drückte sein Gesicht in den Matsch.
Jesper wehrte sich instinktiv dagegen in den Matsch gepresst zu werden, dann hörte er, was George gehört hatte: Über ihre Köpfe raste ein Granatensplitter hinweg. Vor Schreck blieb Jesper stocksteif liegen. Er spürte, wie seine Kehle schwoll, wie Tränen sich bildeten, während sein Mund mit eisigem Schlamm verklebt war. Warum hatte er in den Krieg ziehen müssen? Warum konnte er nicht bei seiner Mutter sein?
George ließ seinen Kopf los und Jesper hob langsam den Blick. „Ist es vorbei?“, fragte er seinen Kameraden. Doch der hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte hypnotisiert in die Ferne. Dann sprang er plötzlich auf die Füße. „Lauf!“, flüsterte er Jesper zu und rannte dann aus dem Bombentrichter, in dem sie gelegen hatten.
Jesper sah ihm überrascht nach, dann rappelte er sich auf und stolperte hinter seinem Kameraden her. Er wagte es nicht, nachzusehen, wovor sie flüchteten. Wieder leuchtete der Himmel gleißend weiß auf. Jespers rechter Fuß verfing sich in einer Wurzel: Er stolperte und landete mit dem Gesicht voran im blutdurchtränkten Matsch.
„George!“, rief er verzweifelt, während er versuchte, sich aufzurappeln. Als er den Kopf hob, konnte er nichts sehen. Das Licht des Blitzes hatte ihn blind gemacht. Orientierungslos stolperte er weiter, bis ihn jemand an der Schulter packte und festhielt.
Er hörte eine fremde Sprache. Jemand lachte. „Deutsche!“, dachte Jesper und das Blut gefror in seinen Adern. Jetzt war er tot. Er würde nie wieder nach Hause kommen. Er würde hier und heute im Niemandsland sterben. Draufgehen, bei diesem sinnlosen Blutvergießen.
Die Männer, denen er in die Arme gelaufen war, lachten. Ihm liefen Tränen über die Wangen. Wieder hörte er die fremde Sprache, dann schlug ihm jemand ins Gesicht.
Jesper verlor das Gleichgewicht und fiel. Der Geschmack von Blut breitete sich widerwärtig in seinem Mund aus.
„Was machen wir jetzt mit dir?“, fragte einer und beugte sich zu ihm herab. Ungläubig sah Jesper auf. Sprach er Englisch? Mit ihm?
Einer der Deutschen stellte amüsiert seinen Stiefel auf seinen Kopf und drückte ihn mit dem Gesicht in den Schlamm. Wieder verstopfte die blutgetränkte Erde seine Nase und seinen Mund. Verzweifelt wehrte er sich, versuchte, seinen Kopf zu heben. Doch je mehr er gegen den Deutschen kämpfte, desto fester wurde er in den Schlamm gepresst.
Er würde wirklich sterben. Nicht wie ein Held. Sondern mit Dreck im Mund.
Langsam verließ ihn die Kraft. Seine Muskeln schrien nach Sauerstoff. Ein unerträglicher Schmerz packte ihn. Mit letzter Kraft begehrte er auf, versuchte den Kopf zu heben und Luft zu holen.
Er hörte einen Knall in der Ferne und wusste, dass jemand gestorben war.

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