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Das Tribunal

CarolynHelm 0

„Bringt sie herein“, donnerte eine weibliche Stimme. Die gigantischen weißen Tore des Gerichtssaales schwangen auf und zwei weiß gekleidete Soldatinnen führten eine zerlumpte Gestalt in den Saal.
Vor den Richterinnen stießen sie die zierliche Frau auf den kalten Boden. Eine Soldatin stellte ihren Fuß auf dem Rücken der Angeklagten ab.
„Botschafterin Solea, wisst Ihr, wessen Ihr angeklagt seid?“, fragte eine der Richterinnen durch die schneeweiße Maske, die ihr Gesicht während der Verhandlung verbarg.
Solea hielt den Blick gesenkt und betrachtete das Muster des Boden, während sie den Kopf desorientiert wiegte. Während ihrer Gefangenschaft, in der sie auf ihren Prozess gewartet hatte, hatte sie weder Nahrung noch Wasser bekommen. Über eine Infusion hatte sie eben das bekommen, was ihr Körper zur weiteren Existenz benötigte und Medikamente, um sie ruhig zu stellen. Ihr Körper war völlig entkräftet.
Als sie nicht antwortete, packte die Soldatin, die ihren Fuß auf ihren Rücken gestellt hatte, ihr schmutziges Haar und riss ihren Kopf hoch. Solea stöhnte vor Schmerz auf, spannte den Kiefer an und funkelte die Richterinnen an. „Warum bin ich hier?“, lallte sie. Sie konnte sich kaum konzentrieren.
„Ihr seid angeklagt, einem Cis-Wesen das Leben in der feministischen Gesellschaft ermöglich zu haben.“
Die Stimme der Richterin dröhnte in ihrem Schädel. Cis-Wesen? Was meinte sie damit? Soleas Augen rollten orientierungslos. „Tresselo! Sein Name ist Tresselo!“, antwortete sie, als sie begriff, wen die Richterinnen mit Cis-Wesen meinten.
„Ihr gebt also zu, dem Cis-Wesen Zugang zur feministischen Gesellschaft gewährt zu haben?“
Wieder rollten Soleas Augen orientierungslos herum. „Antwortet, Solea!“, fuhr eine der drei Richterinnen sie daher an und die Soldatin riss erneut an ihrem Haar. Solea schrie auf. Über ihren Mundwinkel rann ein dünnens Rinnsaal Speichel.
„Das Cis-Wesen ist ein Mann und sein Name lautet Tresselo!“, spie Solea.
„Ihr habt wohl den Verstand verloren, Botschafterin.“
„Ihr habt den Verstand verloren, die ihr Männer nicht als Menschen behandelt!“ Soleas Gesicht wurde zornrot.
„Dann habt ihr dem Cis-Wesen Zugang zu unserer Gesellschaft gewährt.“, fuhr die Richterin ungerührt fort.
„Ich habe diesen Mann als Menschen behandelt! Ich habe meine verdammte Pflicht an ihm getan!“ Abermals zog die Soldatin an ihrem Haar. Solea folgte der Bewegung, während sie vor Schmerz aufheulte.
„Cis-Wesen sind keine Menschen. Sie sind Reproduktionsabfall.“
„Reproduktionsnebenerzeugnisse, Schwester.“
„Reproduktionsnebenerzeugnisse“, echote Solea. „Hört ihr euch eigentlich selbst über fühlende menschliche Wesen sprechen?“
„Das reicht!“, donnerte die Richterin in der Mitte. „Es gibt keinen Platz in dieser Welt für Reproduktionsnebenerzeugnisse wie Cis-Wesen.“
„Keinen Platz in dieser Welt?“, lachte Solea tonlos. „Ihr haltet sie wie Hühner in Batterien, saugt die DNA aus ihnen heraus, um den Genpool zu durchmischen und dann recycelt ihr sie wie Abfälle.“
„Das ist der Preis des Lebens. Cis-Wesen sind unkompatibel für unsere Gesellschaft. Sie zerstören das friedliche, feministische Leben.“
„Ihr nennt diesen Umgang mit Leben friedlich?!“
„Hat es in den letzten zweihundert Jahren, in denen unsere feministische Welt besteht jemals Krieg gegeben?“
„Wenn man jeden unterdrückt, der anders denkt, ist Krieg ausgeschlossen!“, schleuderte Solea zurück. Die Soldatin ließ ihr Haar los. Da sie den Kopf angespannt gehalten hatte, schnellte er in Richtung des Bodens zurück. Fast schlug sie sich dabei die Nase auf.
„Ihr stimmt uns also zu, Botschafterin, dass es keinen Krieg gegeben hat in den letzten zweihundert Jahren. Die Befreiung eines Cis-Wesen aus dem Reproduktionstank gefährdet diesen Frieden.“
Solea hob den Kopf und funkelte die Richterin an. Unter der Maske erkannte sie die eisigblauen Augen der Frau.
„Ich habe versucht, der Bevölkerung die Augen für das Leben zu öffnen!“
„Ihr habt Euren Staat und unser Leben gefährdet. Für dieses Verbrechen, Botschafterin Solea, verurteilt das Tribunal Euch zum Tode. Erhebt Euch!“
Die Soldatin riss sie an den Haaren auf die Füße. Dieses Mal spannte Solea den Kiefer an, um den Schrei zu unterdrücken, während sie eilig versuchte, auf die Füße zu kommen.
Eine zweite Soldatin trat hinter Solea. Sie spürte eisiges Metall zwischen ihrem zweiten und dritten Halswirbel. Die Richterinnen erhoben sich.
„Eure letzten Worte, Botschafterin Solea.“, baten eine Richterin.
„Eure schöne Welt ist ein Albtraum! Eines Tages werdet ihr daraus erwachen und dann denkt an meine-…“
Die Richterin nickte und bevor Solea weiter sprechen konnte, glitt das Metall zwischen ihre Wirbel und durchtrennte die Nerven.
Leblos sank die Botschafterin Solea im Gerichtssaal zusammen.
„Recycelt sie.“

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