Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Der Mensch

CarolynHelm 0

„Runter“, flüsterte der Richter fast unhörbar leise. Die Luft vibrierte unter seiner Stimme. Sein Befehl kam so kalt, dass die Feuchtigkeit in der Luft augenblicklich zu Eiskristallen gefror.
Ayristo sah seinen Richter an und schluckte trocken. Langsam, ganz langsam stieg der Mann von der Anklagebank.
Eingehend musterte der Richter den Angeklagten und befahl: „Zieh deinen Mantel und deine Schuhe aus.“
Ayristo zögerte. Dann öffnete er die Platinspange seines Mantels. Er legte den Nerz auf die Anklagebank und stellte die Krokodillederschuhe dazu.
„Deine Uhr, dein Gürtel und das Jackett ebenfalls.“
Er hatte dem Richter noch den Rücken zugekehrt. Er fuhr mit der Zunge über seine Lippen, während er zögerte. Dann sah er zu seiner Uhr. Die Diamanten in den Indices strahlten ihn bitterböse an, während er die Schließe öffnete. Fast schon zärtlich platzierte er die Uhr zwischen seinen Schuhen und seinem Gürtel.
Grade wollte er sich zu seinem Richter umwenden, als der erneut das Wort ergriff. „Du trägst ja immer noch Luxus. Deine Manschettenknöpfe und dieses Hemd solltest du auch dazulegen.“
Ayristo überlegte, sich gegen die ungerechte Behandlung zu wehren. Doch er war seinem Richter in keiner Weise gewachsen. Und der wurde auch nicht müde, ihm die Macht zu demonstrieren, die er über ihn hatte.
Schließlich stand er dem Richter in seiner Unterwäsche gegenüber. Der Richter schürzte die Lippen, während er den Angeklagten musterte. „Dort wo ich mit dir hingehe, wirst du auch das nicht brauchen.“, erklärte der Richter ihm.
„Ich-… Das können Sie nicht machen…!“
„Schweig!“, donnerte der Richter.
Ayristo fuhr zusammen. Das Wasser in der Luft gefror augenblicklich und rieselte in winzigen Eiskristallen zu Boden. Er zögerte keine Sekunde länger, sondern gehorchte dem Richter.
Scham stieg in ihm auf, als er völlig nackt mitten im Gerichtssaal stand. Instinktiv versuchte er, sich unter den eigenen Armen zu verstecken.
„ Ayristo, ich habe dich gewogen.“, erklärte der Richter. „Ich habe dich gewogen und für schlecht befunden.“
Die Scham auf seinen Schultern wurde durch diese Worte so schwer, dass er den Kopf senken musste.
„Du hast großes Leid über die Menschen in deinem Leben gebracht.“
„Ich-… verstehe nicht.“
Der Richter machte eine ausladende Geste. Mitten im Gerichtssaal fand sich Nebel zusammen, der immer dichter und dichter wurde, bis er schließlich undurchdringlich weiß wurde. Schemenhaft formten sich Schatten in dem Nebel zu Bildern zusammen.
Ein Mann schrie eine Reihe angsterfüllter Menschen an, die beharrlich versuchten, unbeteiligt zu erscheinen, um nicht Zentrum des Geschreis zu werden.
Das Bild verwirbelte.
Der nächste Schatten warf achtlos Gift in einen Fluss, das augenblicklich alle Fische in dem Fluss tötete.
Der Nebel zog durch den Gesichtssaal und zeigte ein neues Bild.
Auf dem Meer schwamm ein dicker, undurchdringlicher Giftteppich.
Ein Weizenfeld wurde mit einer schrecklich stinkenden Chemikalie bespritzt. Der leuchtende Klatschmohn neben dem Getreide verlor die zarten Blätter.
Bäume verbrannten am Horizont und füllten den Gerichtssaal mit beißendem, schwarzem Qualm.
„Aufhören!“, flehte Ayristo auf den Knien. „Aufhören!“

Ein Gong zerbrach das Bild. Erschrocken fuhr Ayristo hoch. Er saß an seinem Schreibtisch. Hinter ihm schlug die alte Pendeluhr grade zwölf.
Er wandte sich zu der Uhr um, dann stand er auf und trat an das Fenster. Von hier konnte er in die Fabrikhalle sehen, in der seine Angestellten Gift abfüllten und in Karton verpackten.
Der Richter hatte ihn gewogen und ihn für schlecht befunden.
Ayristo sah auf die Uhr.
Zwölf. – Es war spät.
Aber noch nicht zuspät.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere